Ukraine-Krieg

Kiew zweifelt an Russlands Truppenrückzug aus Cherson

9. November 2022, 17:57 Uhr
Russische Truppen ziehen sich aus der Stadt Cherson zurück. Den Abzug aus der Stadt im Süden der Ukraine habe der Verteidigungsminister Sergej Shoigu angeordnet. Die Führung in Kiew hat skeptisch auf die Ankündigung aus Moskau reagiert.
Der russische Verteidigungsminister befahl den Abzug der Truppen aus Cherson.
© Keystone/AP/Leo Correa
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Unter dem Druck ukrainischer Gegenoffensiven ziehen sich Russlands Truppen aus der Hauptstadt und weiteren Teilen des besetzten Gebiets Cherson zurück. Verteidigungsminister Sergej Schoigu ordnete am Mittwoch die Räumung des rechten Ufers des Flusses Dnipro an. Seine Anordnung wurde im russischen Staatsfernsehen gezeigt. Mit dem Rückzug verliert Russland im Süden die Kontrolle über die einzige ukrainische Gebietshauptstadt, die es seit Beginn des Angriffskriegs Ende Februar eroberte.

«Das Leben und die Gesundheit der Soldaten der Russischen Föderation waren immer eine Priorität», sagte Schoigu zur Begründung. Der neue Kommandeur der russischen Truppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, berichtete von zuletzt heftigem Beschuss der Ukrainer auf die Stadt Cherson und umliegende Ortschaften.

«Ukraine sieht keine Anzeichen dafür»

Die Führung in Kiew hat skeptisch auf die Ankündigung aus Moskau über einen kompletten Truppenabzug vom rechten Ufer des Flusses Dnipro im südukrainischen Gebiet Cherson reagiert. «Die Ukraine sieht keine Anzeichen dafür, dass Russland Cherson ohne Kampf aufgibt», schrieb der Berater des Präsidentenbüros, Mychajlo Podoljak, am Mittwoch beim Kurznachrichtendienst Twitter.

In der Gebietshauptstadt sei weiter eine erhebliche Zahl russischer Soldaten und es würden Reserven zusammengezogen. «Die Ukraine befreit Territorien, indem sie sich auf Aufklärungsdaten und nicht auf inszenierte TV-Ansagen verlässt», betonte Podoljak.

Heftige Kämpfe

Russland hatte das Gebiet Cherson in den ersten Kriegswochen weitgehend besetzt und im September – ebenso wie die Regionen Saporischschja, Luhansk und Donezk – völkerrechtswidrig annektiert. Ungeachtet dessen kündigte die Ukraine immer wieder an, Stadt und Gebiet Cherson auch mithilfe westlicher Waffen befreien zu wollen.

In den vergangenen Wochen gab es andauernde heftige Kämpfe. Mehrfach berichteten die Ukrainer von grossen Zerstörungen und hohen Verlusten auf russischer Seite. Unabhängig konnte das oft zwar nicht überprüft werden. Zuletzt rechneten aber auch russische Militärblogger mit einem baldigen Rückzug der eigenen Truppen aus der Stadt Cherson.

Nach Charkiw nun wohl Cherson

Auch Kommandeur Surowikin kündigte bereits im Oktober «schwierige Entscheidungen» in Cherson an, was von Beobachtern als Indiz für einen geplanten Abzug gedeutet wurde. Zudem brachten die russischen Besatzer eigenen Angaben zufolge Zehntausende Zivilisten aus der Stadt Cherson weg. Die Ukraine sprach von einer Verschleppung der Menschen.

Russland hat das Nachbarland Ukraine am 24. Februar überfallen. Seitdem mussten die russischen Truppen bereits mehrfach grössere militärische Niederlagen einstecken. Als eines der aus Kreml-Sicht grössten Debakel gilt der Rückzug aus dem ostukrainischen Gebiet Charkiw Mitte September.

(sda/log)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 9. November 2022 16:31
aktualisiert: 9. November 2022 17:57