Aargau/Solothurn

Deshalb ist die Schlange vor den Frauen-WCs immer so lang – sind Unisex-Toiletten die Lösung?

Debatte

Deshalb ist die Schlange vor den Frauen-WCs immer so lang

· Online seit 16.04.2024, 06:50 Uhr
Jede Frau kennt es: Die Schlange vor den WCs ist meist länger als bei den Männern. Der Grund dafür liegt möglicherweise im Gesetz und der jeweiligen Anzahl an Toiletten. Unisex-WCs könnten dem allerdings Abhilfe schaffen.
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Eine Frau nach der anderen reiht sich vor dem Frauen-WC ein. Ein weit bekanntes Bild in einer Bar, im Club oder auch bei einem Festival. Während bei den Männern alles frei ist, sie fröhlich kommen und gehen, müssen Frauen zum einen immer viel Geduld mitbringen und zum anderen rechtzeitig wissen, wann sie aufs Klo müssen. Denn die Schlange vor den Toiletten ist bei den Frauen meist länger. Die beiden Forscher Wouter Rogiest und Kurt Van Hautegem der belgischen Universität Gent fanden heraus, dass Frauen bei einem Festival im Schnitt sechs Minuten warten müssen – Männer hingegen elf Sekunden. Ihre Ergebnisse haben sie im Wissenschaftsjournal «EOS Wetenschap» veröffentlicht.

Ihrer Meinung nach liegt es daran, dass es bei den Herren so viel weniger staut, weil sie Pissoirs zur Verfügung haben. Denn die sind deutlich platzsparender und weitaus effizienter. Somit haben Männer auf der gleichen Fläche eines Sanitärbereichs im Schnitt 20 bis 30 Prozent mehr WCs zur Verfügung als Frauen, wie es in der Studie weiter heisst. Dabei brauchen Frauen länger auf den Toiletten. Das liegt zum einen daran, dass die Kabinen komplizierter zu bedienen sind: Tür öffnen, absperren, dann wieder aufsperren und schliessen. Weil sich diese Tätigkeiten summieren, Frauen ausserdem häufiger den Sitz säubern und menstruieren, brauchen sie laut der Studie etwa 50 Prozent länger pro Toilettenbesuch.

Warum haben Männer mehr Pinkelplätze?

Eine mögliche Antwort liegt im Gesetz. Das Arbeitsgesetz regelt die Anzahl und Ausprägungen der Toilettenanlagen für Arbeitnehmende im Angestelltenverhältnis. Gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) müssen sich Firmen und Unternehmen bei der Anzahl der WCs «nach der Zahl der gleichzeitig im Betrieb beschäftigten Arbeitnehmer» richten. Dafür hat das SECO im Jahr 2022 folgende Richtwerte erlassen.

Demnach können für Frauen effektiv weniger WCs zur Verfügung stehen. Darüber hinaus spielt es auf bundesgesetzlicher Ebene keine Rolle, ob mehr Frauen oder Männer in einem Betrieb beschäftigt sind. Für das Gastgewerbe hat die Gesellschaft Schweizerischer Lebensmittelinspektorinnen und Lebensmittelinspektoren (GSLI) Richtlinien erlassen. Darin heisst es, dass «die WC-Anlagen der Grösse und Art des Betriebes angepasst sein sollen». Bei bis zu 50 Gästeplätzen, dazu zählt auch die Aussenbewirtschaftung, werden zwei Gästetoiletten mit Handwaschgelegenheiten als Minimaleinrichtung empfohlen. Ab 50 Plätzen sind es dann «jeweils pro 25 Plätze eine zusätzliche Toiletteneinheit. Pissoirs und rollstuhlgängige Räume werden mitgezählt», heisst es weiter. Und: die Anzahl der Toiletten sollten gleichmässig nach Geschlechtern verteilt sein.

Wie sieht es im Aargau aus?

Da wir bei der Recherche auf kein Bundesgesetz – analog zum Arbeitsgesetz – zur Toilettenanzahl in öffentlichen Gebäuden und im Gastgewerbe gestossen sind, haben wir beim Kanton angefragt: «Das kantonale Recht kennt keine Vorschrift», sagt Giovanni Leardini, Leiter Kommunikation beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt, auf Anfrage von ArgoviaToday.

Das KIFF in Aarau hat aktuell bei den Herren drei Pissoirs und drei Kabinen. Bei den Frauen sind es aktuell 5 Kabinen. Dazu gibt es noch eine Toilette für Menschen mit Behinderung. Derzeit haben dort also Männer mehr Pinkelmöglichkeiten. «Zur aktuellen Situation muss man sagen, dass wir uns immer noch in einer Zwischennutzung befinden und die Sanitäranlagen vor langer Zeit so geplant wurden. Da waren die Standards noch anders, als sie heute sind», erklärt Kathrin Häseli, Kommunikationsverantwortliche beim Aarauer Kulturhaus. Im Neubau wird die Toilettensituation eine andere sein. «Unsere Architekten haben sich dabei am Arbeitsgesetz und den Gästetoiletten-Anforderungen der Stadt Zürich orientiert», führt Häseli aus.

In der Trafohalle in Baden gibt es je 12 WCs für Männer und Frauen. In der Halle 37 sind es acht für Männer und sieben für Frauen. Womöglich habe es damals beim Bau gewisse Vorschriften bezüglich Proportionen zwischen Anzahl Personen im Haus und dafür benötigte WCs gegeben, so CEO Reto Leder. Auch im Tägi stehen Frauen weniger Möglichkeiten zur Verfügung als Männer. Dazu variiert die Grösse: «Die Grössenverhältnisse sind sehr unterschiedlich und waren teils durch die Baufelder etwas vorgegeben. Die Toilettenkabinen sind auf Mindestgrössen normiert, um möglichst viele Einheiten auf den jeweiligen Flächen anzubieten», meint CEO Urs Kamberger zu ArgoviaToday

Die nachfolgende Grafik zeigt, wie viele Toiletten den Männern wie auch den Frauen jeweils in den abgefragten Lokalitäten zur Verfügung stehen.

Im Aargauer Kunsthaus sind insgesamt acht abschliessbare Toiletten zu finden. Die öffentlichen Sanitärbereiche im Untergeschoss des Kunsthauses sind für alle zugänglich. «Wir haben uns entschieden, die öffentlichen Sanitärbereiche im UG des Kunsthauses genderneutral zu signalisieren – mit den entsprechenden Symbolen Toilette und Pissoir», sagt Sprecherin Christina Omlin.

Auch die Kaserne in Basel setzt auf genderneutrale WCs. «Die Kaserne Basel unterscheidet nicht zwischen Männer- und Frauen-Toiletten, sondern zwischen Toilettenräumen mit WC-Kabinen und Toilettenräumen mit WC-Kabinen & Pissoirs. Alle Räume sind für alle Geschlechter zugänglich», gibt Johanna Tydecks, Leiterin Kommunikation, Auskunft.

Unisex-Toiletten als Lösung? 

Die Fachhochschule Nordwestschweiz setzt seit 2022 ebenfalls auf All-Gender-WCs. Am Standort in Brugg-Windisch sind es 17 Toiletten. «Die FHNW setzt sich für ein diversity-gerechtes Studier-, Weiterbildungs- und Arbeitsklima ein. Das Bereitstellen von genderneutralen WCs ist ein einfacher, aber wirkungsvoller Schritt in der Förderung der Gleichstellung von Menschen unabhängig ihrer geschlechtlichen Identität», so die Fachhochschule.

Gemäss Forschenden sind Unisex-Toiletten eine mögliche Lösung. Damit müssten Frauen nämlich deutlich weniger vor den WCs warten und Männer nur ein bisschen länger. Mit Computersimulationen haben Wouter Rogiest und Kurt Van Hautegem mit 2000 virtuellen Nutzerinnen und Nutzer verschiedene Layouts von Toiletten überprüft. Dabei fanden sie heraus, dass All-Gender-Toiletten mit 14 Kabinen und 8 Urinalen die beste Mischung bieten, um die Wartezeit für Frauen massiv zu reduzieren – Frauen müssten dann nur noch 2 Minuten und 18 Sekunden warten, Männer etwa 40 Sekunden.

veröffentlicht: 16. April 2024 06:50
aktualisiert: 16. April 2024 06:50
Quelle: ArgoviaToday

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