Aargau/Solothurn

Leben zwischen Obdachlosigkeit, Alleinsein und Perspektiven

Eine Geschichte

Leben zwischen Obdachlosigkeit, Alleinsein und Perspektiven

02.05.2022, 17:01 Uhr
· Online seit 02.05.2022, 05:43 Uhr
Dänu K. lebte mehrere Jahre in Solothurn auf der Strasse. Heute hat er in einer betreuten Wohnung der Sozial-Dienstleisterin «Persepektive» ein neues Zuhause gefunden. Was ihm diese Wohnung bedeutet, warum er keinen Schnickschnack mag und womit er heute noch zu kämpfen hat.
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Dänu K. greift nach dem Stift vor ihm auf dem Tisch und zeichnet ein langes Rechteck: «Das ist der Eingang und gleich hier gegenüber ist meine Garderobe. Vom Gang aus kommt man hier ins Schlafzimmer und eine Tür weiter habe ich noch ein kleines Wohnzimmer.» Besuch empfängt der 48-jährige ungern und selten. Die Wohnung nennt er seinen «Isolationspunkt», weil er sich hierhin zurückziehen kann und seine Ruhe hat. Einmal in der Woche kommt ein Betreuer von der «Perspektive», schaut nach dem Rechten und hilft Dänu im Haushalt. Das reiche ihm. «Ich bin gern allein», sagt er und trinkt einen Schluck Cola.

Dass er viel Zeit allein in seiner 35-Quadratmeter-Wohnung verbringt, mag auch daran liegen, dass er lange keine eigene hatte. Bevor sich Dänu vor zwei Jahren Unterstützung bei der «Perspektive» geholt hat, lebte er mehrere Jahre auf der Strasse. Heute muss der 48-jährige starke Medikamente nehmen, raucht jeden Tag Cannabis und trinkt viel Bier. Einen Job hat er keinen. Das war aber nicht immer so. Die Wende in seinem Leben passierte vor knapp 20 Jahren, damals war Dänu 30.

Nach einem psychedelischen Drogentrip hatte Dänu zum ersten Mal Wahnvorstellungen und paranoide Gedanken. Es folgten regelmässig psychotische Schübe. Ein Jahr später, im Jahr 2003, bekam er die Diagnose: paranoide Schizophrenie. Dabei lief zu jener Zeit alles rund in Dänus Leben. Er hatte ein stabiles Umfeld, Freunde und einen fixen Plan für die Zukunft. Mehrere Saisons hatte der gelernte Kaufmann in Griechenland als Tennislehrer gearbeitet. In der Schweiz war er im Aussendienst tätig. Der Plan war, ganz nach Griechenland auszuwandern und dort ein Sportzentrum aufzuziehen. Wohnung und Job in der Schweiz waren schon gekündigt, als es passierte.

Klinik statt Strand

Statt dem Traum in Griechenland folgten Jahre ohne Wohnung, ohne Job. Zunächst kam er bei Bekannten unter, später lebte er auf der Strasse. Dazwischen liess er sich wegen seiner Schizophrenie insgesamt 35 mal stationär behandeln. Seit er vor zwei Jahren in die jetzige Wohnung eingezogen ist, musste er nicht mehr in die Klinik. Dafür hat er mit dem Kiffen angefangen. «Das Kiffen macht mich ausgeglichener. Morgens fühle ich mich oft depressiv und schwermütig. Gras hilft mir, da rauszukommen.» Kiffen würde er aber auch wegen der starken Medikamente, die er gegen die Schizophrenie einnimmt. Durch die Medis fühle er sich oft flach und leer. Das Kiffen helfe, diese Gefühle zu unterdrücken. Auch Bier trinkt er seither täglich. «Wenn ich es morgens aus dem Bett schaffe, rauche ich meinen ersten Joint und mache das erste Bierchen auf. Erst dann geht mein Motor an.» Es helfe Dänu, dass die Perspektive nicht abstinenzorientiert sei, er also zur Behandlung trinken und rauchen könne. Bei anderen Einrichtungen gehe das nicht, was für Klientinnen und Klienten oft ein grosser Druck sei. «Ich bin mir aber sicher, dass ich auch das mit dem Kiffen und dem Bier wieder in den Griff bekomme, wenn der Rest in meinem Leben erst Mal wieder passt», sagt er und lächelt. «Und das wird es. Ich bin auf dem richtigen Weg, da bin ich sicher.»

Dänu beschreibt seine Wohnung kahl und leer. Kein einziges Bild an der Wand, keine Deko, kein Schnickschnack. «Ich fühle mich schnell überfordert, wenn zu viel rumsteht. Deshalb halte ich meine Wohnung lieber schlicht.» Er blickt wieder auf die Zeichnung vor ihm auf dem Tisch und malt zwei dicke Kreuze, eines ins Wohnzimmer, das andere ins Schlafzimmer. «Hier sind meine zwei heiligen Orte. Einmal ist das mein Esstisch, auf dem ich ein «u huere Gnusch habe», und dann mein Kleiderstuhl im Schlafzimmer.» Immer, wenn er frisch gewaschen habe, werfe er die saubere Kleidung auf diesen Stuhl. Seine beiden «heiligen Orte», die seien privat. «Wenn jemand von der Perspektive vorbeikommt, fassen sie nichts davon an. Das ist mir wichtig.» Wichtig ist ihm auch sein Sofa. Hier verbringt er viel Zeit. «Wenn ich abends nach Hause komme, lege ich mich aufs Sofa, schaue ein wenig fern und schlafe dann aber meistens sehr schnell ein.» Im Moment ist Dänus Leben oft noch ein Kampf. «Ich habe aber jeden Tag noch Momente, über die ich mich freuen kann. Diese treiben mich an.» Meist seien das zufällige Begegnungen im Alltag oder ein bestimmtes Lied im richtigen Moment.

veröffentlicht: 2. Mai 2022 05:43
aktualisiert: 2. Mai 2022 17:01
Quelle: ArgoviaToday

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