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Nackt vor Gspänli – Duschpflicht in Schulen erhitzt Gemüter

Körperhygiene

Nackt vor Gspänli – Duschpflicht in Schulen erhitzt Gemüter

· Online seit 16.03.2023, 06:37 Uhr
Im Kanton Bern weigerten sich Mädchen, nach dem Sportunterricht zu duschen. Nackt vor den anderen Kindern zu sein, empfanden sie als unangenehm. Anderen Schülerinnen und Schülern ergeht es ähnlich. Zur Debatte steht, das Ritual abzuschaffen.
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Knifflige Aufgaben können Schülerinnen und Schüler ins Schwitzen bringen. Schweisstropfen aus dem Sportunterricht haben in den Klassenzimmern dagegen nichts verloren. Darum geht es nach dem Sportunterricht meist zuerst ab in die Dusche. Zwei Mädchen aus dem Kanton Bern ging dies jedoch zu weit.

«Sie wollten nicht duschen, weil es ihnen unangenehm war, nackt vor den anderen Kindern», berichtete Agota Lavoyer, Expertin für sexualisierte Gewalt und Opferberaterin, kürzlich in einer Story auf Instagram. Die Lehrerin habe den zwei Mädchen dann erlaubt, mit Unterhosen zu duschen. Darauf habe die Lehrerin vom Schulleiter einen Rüffel bekommen. «Es wurde ihr klar gesagt, dass die Kinder duschen müssen, und zwar nackt.»

«Meine Tochter fühlte sich bedrängt»

Agota Lavoyer kritisiert das Vorgehen scharf. Sie höre immer wieder, dass in Schulen eine Duschpflicht gelte, teilweise schon ab dem Kindergarten, schreibt sie in einem weiteren Post. «Schulen, die auch für den Schutz der körperlichen und sexuellen Integrität der Kinder verantwortlich sind, zwingen Kinder, nackt miteinander zu duschen?», prangert sie an. Daraus schliesst sie: «Dein Körper gehört dir, aber auch bitz der Schule?!»

Mit der Kritik hat Lavoyer einen wunden Punkt getroffen. Auf ihre Posts erhielt sie zahlreiche Rückmeldungen, welche die Duschpflicht ebenfalls verurteilen. Das Schulduschen sei genau diese Woche Thema bei ihnen gewesen, schreibt eine Mutter oder ein Vater. «Meine Tochter (bald 9 Jahre) fühlte sich bedrängt, weil die Jungs sich in die Kabine der Mädchen schlichen.» Als die Tochter dies der Lehrperson berichtet habe, habe diese gesagt, dass sie sich lieber beeilen solle, weil der Bus in vier Minuten fahre. «Ich war sprachlos.»

«Kinder können untereinander sehr grausam sein»

Eine weitere Person schreibt: «Das ist so schrecklich, ich habe ein ganz übles Trauma deswegen.» Die Duschpflicht in den Schulen sei wirklich etwas, das abgeschafft gehöre. «Gerade Kinder können untereinander sehr grausam sein und Grenzen überschreiten.»

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Auch Menschen aus der LGBTQ-Community machten schlechte Erfahrungen, mussten sie nach dem Sportunterricht duschen gehen. «Ich fand das total unangenehm, weil als Transperson war das Wachsen der Brüste und die Verweiblichung des Körpers, zum Beispiel durch breitere Hüften, eine körperliche Veränderung, die ich als dysphorisch erlebte», schreibt eine Followerin oder ein Follower. Die Person erlebte es als extrem beschämend, als körperlich weiter entwickeltere Mädchen die wachsenden Brüste anderer Mädchen kommentierten.

«Schutz der körperlichen und sexuellen Integrität»

Agota Lavoyer bestätigt auf Anfrage der Today-Zentralredaktion, dass ihr nicht nur Schulen in Bern, sondern auch in vielen anderen Kantonen bekannt seien, die eine Duschpflicht hätten. Es gehe ihr nicht um den Einzelfall, betont sie. «Es geht darum, dass offenbar in ganz vielen Schulen die Sensibilität nicht vorhanden ist, wie die sexuelle und körperliche Integrität der Kinder geschützt werden muss und dass das auch in der Schule passieren muss.»

Die Website sportunterricht.ch bietet Unterrichtstipps und -unterlagen für den Sportunterricht auf allen Schulstufen. Unter «Regeln und Rituale im Sportunterricht» hält das Info-Portal unter anderem fest: «Wir duschen nach dem Sportunterricht.» Ob sich die Schülerinnen und Schüler nach dem Sportunterricht unter die Dusche stellen müssen, regeln die Schulen je nach Kanton oder Schulleitung aber individuell.

Dusch-Kontrollen

Manche Lehrpersonen setzen die Duschpflicht so strikte um, dass sie Grenzen überschreiten. «Bei uns im Dorf (BE) hat sich der Lehrer jeweils selber davon überzeugt, dass wirklich alle nackig sind und ging auch mit der Kamera rein», berichtet jemand in der Diskussion, die Agota Lavoyer angestossen hat.

Dusch-Kontrollen sind zumindest im Kanton St.Gallen keine Seltenheit. 14 Prozent der Primarschülerinnen und -schüler und elf Prozent auf der Sekundarstufe gaben in einer Studie der Pädagogischen Hochschule St.Gallen aus dem Jahr 2015 an, dass eine Kontrolle stattfinde, ob sie nach dem Sportunterricht geduscht hätten.

Lehrperson könne individuell Lösungen suchen

Laut Peter Hofmann, Gründer der Fachstelle Schulrecht GmbH, darf eine Schule verlangen, dass die Schülerinnen und Schüler nach dem Sportunterricht duschen. «Es geht um die Körperhygiene und die Gesundheit», sagt der Schulrechtsexperte. Kinder und Erwachsene hielten sich während Stunden in denselben Räumen auf. «Das soll unter hygienischen Bedingungen passieren.»

Hofmann hat Verständnis dafür, wenn ein junges Mädchen oder ein Bursche nicht gerne in der Schule duscht, weil andere körperlich schon weiter entwickelt sind. «Handelt es sich um ein ausgewiesenes Problem, kann die Lehrperson individuell Lösungen suchen.»

Den Vorwurf, dass das Duschen in den Schulen die körperliche und sexuelle Integrität verletze, kann Hofmann nicht nachvollziehen. Die Schule bereite auf das Leben vor, sagt Hofmann. «Im Militär gibt es nicht für jeden eine abgeschlossene Dusche.» Auch in einigen Badis sei dies nicht der Fall. «In der Schule lernen die Kinder, später als Gesellschaft funktionieren zu können.» Die Schule müsse aufpassen, dass sie nicht einem Individualisierungs-Wahn verfalle.

veröffentlicht: 16. März 2023 06:37
aktualisiert: 16. März 2023 06:37
Quelle: Today-Zentralredaktion

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