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«Schadstoffe machen Pollen aggressiver» – Expertin erklärt, wie eine Therapie helfen kann

Desensibilisierung

«Schadstoffe machen Pollen aggressiver» – Expertin erklärt, wie eine Therapie helfen kann

· Online seit 19.08.2023, 12:55 Uhr
Im Jahr 2023 gab es so viele Pollen und Pollengeplagte, wie selten zuvor. Allergieexpertin Sonja Hartmann erklärt, warum die Pollenbelastung dieses Jahr so hoch war und warum man sich eine Desensibilisierung für diesen Herbst überlegen sollte.

Quelle: Allergien nehmen zu / CH Media Video Unit / Melissa Schumacher / CheckUp

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Das Pollenjahr geht in der Schweiz langsam zu Ende. «Endlich!», denken sich Allergikerinnen und Allergiker. Dieses Jahr war die Belastung durch Pollen so intensiv wie noch selten, meldete das aha!-Allergiezentrum. Erst startete der Hasel so früh wie noch kaum je zuvor und auch die Gräser mischten ab Ende Mai ordentlich mit.

Guter Zeitpunkt für Desensibilisierung

Damit nächstes Jahr nicht wieder die Apotheken leergekauft werden müssen und man Unterhaltungen führen kann, ohne die ganze Zeit zu niesen, empfiehlt das Allergiezentrum, im Herbst mit einer Desensibilisierung zu beginnen.

Expertin Sonja Hartmann, Projektleiterin beim Allergiezentrum Schweiz und unter anderem für Beratungen zuständig, erklärt gegenüber den CH-Radio-News, warum.

Die Pollen sollen dieses Jahr besonders stark gewesen sein, stimmt das?

Das ist so. Insbesondere Hasel und Gräser hatten ein besonders intensives Jahr. Bei den Birkenpollen war es hingegen eher schwach. Der Wechsel von anfänglich feuchtem Wetter zu einem heissen sonnigen Mai hat zu einer sehr hohen Pollenbelastung durch Gräser geführt. Die meisten Heuschnupfengeplagten reagieren auch auf ebendiese.

Warum haben viele Menschen, die noch nie Heuschnupfen hatten, dieses Jahr plötzlich reagiert?

Wenn so viele Pollen in der Luft sind, kann es auch bei Menschen, die sonst unter keinen Allergien leiden, zu einer mechanischen Reizung der Schleimhäute kommen.

Wieso wird eine Desensibilisierung empfohlen? 

Medikamente wie Antihistaminika können helfen, die Symptome zu reduzieren. Mit einer Desensibilisierung kann man den Heuschnupfen ursächlich behandeln. Das wird besonders den Personen empfohlen, bei denen herkömmliche Medikamente keine ausreichende Besserung bringen. Weiter kann eine Desensibilisierung oder auch eine allergenspezifische Immuntherapie einen Etagenwechsel verhindern.

Was heisst «Etagenwechsel»?

Das ist der Übergang vom allergischen Schnupfen, der in den oberen Atemwegen stattfindet, zum allergischen Asthma.

Wann ist der beste Zeitpunkt, mit einer Desensibilisierung zu beginnen?

Für Heuschnupfen-Geplagte ist Herbst die beste Zeit, um damit zu beginnen. In der Zeit sind so gut wie keine Pollen mehr in der Luft. Darum empfehlen wir, dass man sich jetzt darüber Gedanken machen sollte und mit seiner Ärztin oder Arzt darüber sprechen sollte.

Im Dezember und im Januar hat es ja auch keine Pollen, könnte man das den ganzen Winter durch beginnen?

Grundsätzlich ja. Es ist aber natürlich so, dass diese Desensibilisierung eine gewisse Zeit braucht, bis man dann dafür gewappnet ist. Je nachdem auf was man allergisch ist, können gewisse Pollen bereits im Januar schon wieder starten.

Wie sieht ein solcher Ablauf der Desensibilisierung aus?

Die Allergologin oder der Allergologe bestimmt mit einem Haut- oder Bluttest, auf welche Stoffe die jeweilige Person allergisch ist. Daraus wird ein individuelles Profil erstellt und eine Therapielösung zusammengestellt. Diese wird in regelmässigen Abständen unter ärztlicher Kontrolle in den Oberarm initiiert.

Dieses Konzentrat wird sukzessiv gesteigert, bis die individuell verträgliche Maximaldosis erreicht ist. Diese Therapie dauert dann etwa drei bis vier Jahre. Bei einigen Pollenallergien kann die Desensibilisierung aber auch mit Tropfen oder Tabletten, die unter der Zunge platziert werden, zu Hause durchgeführt werden.

Also müsste man sich während drei bis vier Jahren immer im Herbst diesen Stoff verabreichen lassen und dann wirds immer etwas besser zum Frühling hin?

Genau. Je nachdem, welche Symptome schwächer werden oder ganz abklingen, wird dann auch die Zusammensetzung des Stoffes verändert.

Was passiert eigentlich im Körper, wenn man den Stoff das erste Mal verabreicht bekommt?

Eine Allergie ist eigentlich eine Überreaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Stoffe wie zum Beispiel Eiweiss oder eben Pollen. Dadurch werden Antikörper produziert und in Folge eine Kaskade von typischen Symptomen ausgelöst. Dazu zählen eine laufende Nase, juckende Augen oder Niesattacken. Mit der Desensibilisierung wird versucht, den Körper wieder an diese eigentlich harmlosen Stoffe zu gewöhnen.

Wieso reagiert der Körper so stark auf Stoffe, die eigentlich harmlos sind?

Die Bereitschaft, eine Allergie zu entwickeln, ist angeboren. Jeder kann allergisch sein oder werden. Wenn die Eltern schon betroffen sind, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, selber auch eine Allergie zu entwickeln. Wie eine Allergie genau entsteht, ist aber noch nicht vollständig geklärt.

Wie gross ist die Chance auf Besserung?

Laut Studien können die Beschwerden bis zu 80 Prozent gelindert und der Medikamentengebrauch gemindert werden. 

Kann es nach einer Desensibilisierung sogar schlimmer werden? Oder ist das ein Mythos?

Es kann natürlich im Moment der Verabreichung der Allergene zu Symptomen führen, weil diese ja wie eine allergische Reaktion auslösen. Dass es aber nachher längerfristig stärker wird, davon ist nicht auszugehen.

Wem empfehlen Sie eine Desensibilisierung? Kann das jeder machen?

Zugelassen ist die Therapie ab einem Alter von fünf Jahren. Wenn man die Symptome mit den gängigen Medikamenten nicht in den Griff bekommt, sollte man das unbedingt in Erwägung ziehen. Wer sich unsicher ist, kann sich aber auch einfach bei einem Allergologen oder einer Allergologin beraten lassen. Grundsätzlich kommt jede Person infrage, die Beschwerden hat.

Kann man schon abschätzen, wie es im nächsten Jahr aussehen wird?

Eine Prognose ist hierzu schwierig, auch weil das Wetter einen grossen Einfluss hat. Man kann aber sagen, dass die Pollensaison länger dauert als früher aufgrund des Klimawandels. Es können auch neue Pflanzen und neue Pollen auftreten. Zusätzlich können Luftschadstoffe die Pollen aggressiver machen und die Atemwege zusätzlich reizen.

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veröffentlicht: 19. August 2023 12:55
aktualisiert: 19. August 2023 12:55
Quelle: Today-Zentralredaktion

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