Datenvolumen wächst

Einsprachen gegen Mobilfunk-Antennen: «Niemand weiss, wo wir in ein paar Jahren stehen»

Urs Hofstetter, 4. Januar 2022, 07:25 Uhr
Die Mobilfunk-Anbieter in der Schweiz stehen vor einem Problem: Das Datenvolumen wächst rasant, doch der Ausbau des Datennetzes kann bald nicht mehr Schritt halten. Grund: Einsprachen verhindern den zügigen Bau neuer Mobilfunk-Antennen.
Der Widerstand gegen den Bau neuer Mobilfunkantennen ist gross. Gegen fast jedes Baugesuch gibts Einsprachen.
© KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Vor dem Jahreswechsel hat die Swisscom die Gemüter ihrer Kundschaft in Murgenthal erhitzt: In einem Schreiben teilte der Mobilfunkanbieter mit, dass eventuell ab Neujahr das Telefonieren und Surfen am Handy in Innenräumen nicht mehr möglich sei, weil möglicherweise eine Antenne im Dorf abgeschaltet werde (ArgoviaToday berichtete). In einem Interview mit Radio Argovia bestätigte Swisscom-Sprecherin Annina Merk diesen Umstand und wies gleichzeitig darauf hin, dass in der Nähe der Bau einer neuen Antenne geplant, aber durch die Behörden noch nicht bewilligt sei. Und dann sagte Merk einen Satz, der aufhorchen lässt: «Das Datenwachstum ist enorm, aber wir können nicht im selben Mass beim Netz ausbauen.» Die vielen Einsprachen und der Widerstand gegen Mobilfunk-Antennen machten der Swisscom die Zukunftsplanung sehr schwer, so Merk.

Ein Baugesuch, mindestens eine Einsprache

Optimismus tönt definitiv anders. ArgoviaToday hat beim Kanton Aargau nachgefragt. Und tatsächlich: Wenn ein Mobilfunk-Anbieter in einer Gemeinde eine Antenne aufstellen will, ist der Widerstand schon programmiert. «In dicht besiedelten Gebieten gibt es jeweils Sammeleinsprachen von bis zu mehreren Dutzend. Auf dem Land kommen die Einsprachen hingegen eher von den Interessenverbänden.» Das sagt Felicitas Siebert, Leiterin der Abteilung für Baubewilligungen beim Kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) auf Anfrage von ArgoviaToday. Sozusagen jedes Gesuch ziehe mindestens eine Einwendung nach sich.

Und fast in allen Fällen sei der Hauptgrund für Einwendungen die Angst vor zu hoher Strahlenbelastung, vor Elektrosmog, ergänzt Heiko Loretan, Leiter der Sektion Luft, Lärm und NIS (nicht-ionisierende Strahlung). Vom Einreichen eines Baugesuchs bis zur Bewilligung dauere es im Schnitt rund 18 Monate. Viel Zeit, «wenn man bedenkt, dass sich das Datenvolumen alle zwei bis drei Jahre verdoppelt», gibt Felicitas Siebert zu bedenken.

Der Kühlschrank, das Joghurt und das Ablaufdatum

Die Mobilfunkanbieter stehen vor einem Dilemma: Einerseits wollen sie mit immer schnelleren, attraktiveren und spektakuläreren Angeboten die bestehende Kundschaft beeindrucken und neue Kundschaft anwerben. Gleichzeitig werden immer gewaltigere Datenmengen umhergeschoben. Felicitas Siebert von der Abteilung für Baubewilligungen sagt: «Niemand weiss, wo wir in ein paar Jahren stehen.» Sie erwähnt das autonome Fahren, welches zwingend nach funktionierendem und schnellem Datenaustausch verlangt. «Und wenn jetzt noch das Internet der Dinge kommt und der Kühlschrank seinem Besitzer meldet, dass das Haltbarkeitsdatum für das Joghurt überschritten sei, dann geht gar nichts mehr.»

1000 Antennen im Aargau

In den letzten zwei Jahren hat die Zahl der Mobilfunkantennen im Aargau stark zugenommen. Ende 2020 standen rund 900 Antennen auf Aargauer Boden. Jetzt, ein Jahr später, «sind es bereits knapp 1000», so Heiko Loretan von der Sektion Luft, Lärm und NIS. Ginge es nach den Mobilfunkanbietern, müssten es aber bedeutend mehr sein. Letztes Jahr gingen bei Felicitas Sieberts Abteilung 91 Baugesuche für Mobilfunkantennen ein. Davon liegen derzeit 15 vorläufig auf Eis, 54 sind noch offen und 22 wurden erledigt (gutgeheissen oder abgewiesen). Nicht die gewünschte Ausbeute aus Sicht von Swisscom, Sunrise UPC, Salt & Co.

Für die Mobilfunkbranche werden die explodierende Datenmenge und der hinterherhinkende  Ausbau des Datennetzes in Zukunft also immer mehr zum Problem. Eine frohe Botschaft aber zum Schluss noch für die Swisscom-Kundinnen und -Kunden in Murgenthal: Die umstrittene Antenne an der Hauptstrasse ist noch immer in Betrieb, das mobile Telefonieren und Surfen noch immer uneingeschränkt möglich, so die Swisscom-Medienstelle (Stand 3. Januar 2022).

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 4. Januar 2022 07:26
aktualisiert: 4. Januar 2022 07:26
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