Weiblicher Alkoholkonsum

«Frauen greifen zum Alkohol, um sich zu entspannen»

Simone Brändlin, 8. November 2022, 07:30 Uhr
Er ist immer noch ein Tabu: Weiblicher Alkoholismus. Dabei greifen mittlerweile fast genauso viele Frauen zur Flasche wie Männer. Eva-Maria Pichler, Leiterin am Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG), erklärt im Gespräch, warum Frauen abhängig werden und wieso das Thema mehr Raum bekommen muss.
«Der Druck auf Frauen, perfekt zu sein, ist häufiger der Grund für einen problematischen Alkoholkonsum», sagt Eva-Maria Pichler.
© zVg
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Today-Redaktion: Stimmen die Zahlen mit dem Gefühl überein, dass Frauen mehr Alkohol konsumieren, eben bis zum schadhaften Konsum?

Eva-Maria Pichler: Die meisten Menschen konsumieren Alkohol als Genussmittel. Aber ungefähr jede fünfte Person konsumiert zu viel, zu oft oder zum falschen Zeitpunkt. Frauen haben bereits seit den 1970er Jahren «aufgeholt» bei der Häufigkeit und Menge des konsumierten Alkohols.

Spielt das Alter dabei eine Rolle?

Der Anteil der Personen, die täglich Alkohol konsumieren, steigt mit dem Alter an. Insgesamt hat der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den letzten 30 Jahren in der Schweiz stetig abgenommen. Insbesondere die jüngere Altersgruppe bis 25 Jahre trinkt heute weniger Alkohol. Das Rauschtrinken hingegen hat zugenommen.

Also auch beim spezifisch weiblichen Konsum?

Ja. Grosse Mengen Alkohol zu trinken, wird bei Männern häufig als maskulin, als stark wahrgenommen. Nahm unsere Gesellschaft das Rauschtrinken bei Frauen früher noch als anstössig und peinlich wahr, so haben sie sich in diesem Bereich gewissermassen emanzipiert. Es ist akzeptierter als früher, als betrunken wahrgenommen zu werden. Trotzdem trinken Frauen häufiger heimlich als Männer.

Das ist gefährlich.

Ja. Es kann zu dem Gefühl führen, man sei mit dem Problem allein. Und es führt dazu, dass Frauen viel später Hilfe suchen. Die schädlichen Muster haben mehr Zeit, sich zu verfestigen. Und das, obwohl Frauen sich häufig ihres Problems bewusster sind.

Wie unterscheidet sich der weibliche Konsum denn sonst vom männlichen?

Es gibt Unterschiede, vor allem bei der Wirkung, aufgrund der spezifischen Physiologie mit niedrigerem Körpergewicht und Wasseranteil der Frau wird der Alkohol quasi weniger verdünnt. Der weibliche Körper eliminiert Alkohol zudem verzögert. Heisst: Gleiche Trinkmengen wirken bei der Frau messbar stärker als beim Mann. Frauen entwickeln zudem schneller Abhängigkeitssymptome und Folgeerkrankungen wie Leber- oder Hirnschäden.

Gibt es geschlechterspezifische Unterschiede, warum zur Flasche gegriffen wird?

Manche Persönlichkeits- und Körpermerkmale schützen uns Frauen vor schädlichem Konsum, aber es gibt keine abschliessende Liste. In der Therapie merken wir, dass Frauen den Alkohol häufiger als vermeintliche sogenannte Coping-Strategie bei unangenehmen Gefühlen nutzen.

Also für den Stressabbau, zur Entspannung.

Ja. Da spielt der gesellschaftliche Druck eine Rolle, Care-Arbeit mit Erfolg im Job zu verbinden, auf den Frauen sensibler reagieren. Das konnten wir während der Covid-Zeit beobachten.

Inwiefern?

Gerade bei Frauen um die 30, wurde in einigen Ländern wie Deutschland ein Anstieg des Konsums beobachtet, obwohl in anderen Gruppen weniger Alkohol getrunken wurde.

Und setzt sich der Trend fort?

Ich hoffe nicht. Die Schweiz hat erkannt, dass eine Gleichstellung der Geschlechter die Gesellschaft insgesamt resilienter macht. Zudem hat sich das Gesundheitsbewusstsein in den letzten Jahren stetig verbessert, sodass ich davon ausgehe, dass der problematische Alkoholkonsum weiter abnehmen wird.

Und trotzdem ist der übermässige weibliche Alkoholkonsum weiterhin ein Tabuthema. So kriegt man das Problem nicht in den Griff.

Das stimmt. Redet die Gesellschaft offener über die Thematik, sinkt die Stigmatisierung. Damit steigt die Chance, dass betroffene Frauen sich jemandem anvertrauen und frühzeitig Beratung holen.

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 8. November 2022 07:04
aktualisiert: 8. November 2022 07:30