Schweiz

«Betroffene lassen sich meist selber fürs Casino sperren»

Spielsucht

«Betroffene lassen sich meist selber fürs Casino sperren»

· Online seit 28.02.2023, 12:50 Uhr
Blinkende Lichter und die Aussicht aufs grosse Geld locken viele in die Casinos oder vor den Computerbildschirm. Wer allerdings die Kontrolle verliert, kann sich schnell in einer Sucht wiederfinden. Wie sich das äussert und wie problematisch das sein kann, erklärt eine Expertin.
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Im Casino Zürich freute sich jüngst eine Besucherin über den Rekord-Jackpot von fast acht Millionen Franken. Würde der Besuch im Casino oder in virtuellen Spielhallen für alle in einem Gewinn gipfeln, wäre das Angebot wohl schnell erschöpft. Weil es eben nicht so ist, erscheinen immer mehr Möglichkeiten für das Spiel mit dem Glück und um Geld und damit auch immer mehr Möglichkeiten zu verlieren und sich zu verschulden.

Rund drei Prozent Bevölkerung zeigen ein problematisches Glücksspielverhalten (schweizerische Gesundheitsbefragung 2017). Britta Thelitz, fachliche Leiterin Prävention beim Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte, Radix, erklärt ihre Arbeit und warum diese Sucht so tückisch sein kann.

Was unterscheidet die Spielsucht von anderen Süchten?

Britta Thelitz: Sie ist viel weniger sichtbar. Wenn man bedenkt, dass man zum Beispiel Alkoholsucht riechen kann.

Was macht die Spielsucht so gefährlich? 

Sie wird lange nicht bemerkt und der Prozess verläuft sehr schleichend. Die gravierendste Auswirkung sind Schulden und die können sehr lange unerkannt bleiben. In unserer Gesellschaft spricht man so oder so nicht sehr transparent über Geld oder Geldprobleme. Die meisten Betroffenen, die bei uns in Therapie sind, kommen aufgrund ihres Umfeldes und weil sie irgendwann ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können.

Wie wirkt sich das auf das Umfeld und die Familie aus?

Mit der Verschuldung können existenzielle Ängste einhergehen, depressive Verstimmungen und ein sozialer Rückzug und das ist für alle Beteiligten eine grosse Belastung. Es sind oft auch relativ hohe Beträge, die nicht so schnell abzubezahlen sind und das kann eine ganze Familie in die Armut treiben.

Gibt es Menschen, die anfälliger auf eine Sucht in Bezug auf Glücksspiele sind?

Es kann grundsätzlich jede Person treffen, das sehen wir auch bei uns in der Therapie. Viele Betroffene berichten auch, dass oft eine Notlage der Auslöser für das intensivierte Spielen war. Die meisten beginnen mit dem Glücksspiel als Unterhaltung mit Freunden, die Spielintensität erhöht sich dann langsam und schleichend aus verschiedenen Gründen.

Kann definiert werden, wo das Risiko grösser ist? Online oder im Casino?

Am riskantesten sind diese Slotmaschinen und die gibt es physisch im Casino, aber auch online. An zweiter Stelle stehen Sport- und Live-Sport-Wetten. Wenn etwas natürlich 24 Stunden sieben Tage die Woche verfügbar ist, wie zum Beispiel im Internet, ist die Versuchung gross. Aber in den Casinos gibt es ja auch Taktiken, mit denen man nicht mehr merkt, ob jetzt Tag oder Nacht ist und man dort die Zeit vergisst.

Wie sieht es bei der Geschlechterverteilung aus?

Rund die Hälfte der Bevölkerung spielt jährlich ein Glücksspiel in irgendeiner Form, davon sind rund 70 Prozent männlich und 30 Prozent weiblich. Etwa drei Prozent entwickeln ein problematisches Verhalten. Die Geschlechterverteilung bei Menschen mit einer Geldspielsuchterkrankung ist nicht bekannt.

Gibt es bei den Geschlechtern auch Unterschiede, was gespielt wird?

Bei Frauen sind diese Slot-Automaten relativ beliebt, wobei Männer eher auf Sport-Wetten oder Poker setzen.

Laut einer Studie sieht man auch einen Trend bei Jugendlichen. 

Ja, laut der Studie hat sich der Anteil der problematischen Spielerinnen und Spielern verdoppelt und davon sind besonders die Altersgruppen zwischen 18 und 29 Jahre betroffen. Dort ist ein deutlicher Anstieg festzustellen.

Wie kann man präventiv gegen Glücksspielsucht vorgehen?

Zu unserer Arbeit gehört die fundierte Aufarbeitung von fachlichen Informationen, die wir der Öffentlichkeit und Fachpersonen für die verschiedenen Anspruchsgruppen zugänglich machen. So können die Risiken von Geldspielen bekannt gemacht werden und auf Hilfsangebote hingewiesen werden.

Wir unterstützen in unserer Tätigkeit aber auch die Anbietende, wenn diese Fragen haben, wie sie besser Suchtprävention betreiben können.

Wie läuft so eine Therapie ab?

Das ist immer sehr individuell. Bei uns setzen wir auf begleitete Betroffenen-Gruppen, wie auch auf Einzeltherapien. Auf der einen Seite tauscht man sich mit anderen Personen aus und auf der anderen schaut man das individuelle Verhalten an. Was da auch mit einhergeht, ist zum Beispiel eine Budgetierung und gegebenenfalls auch die Zusammenarbeit mit einer Schuldenberatung. Es kommt auch immer darauf an, wie fortgeschritten die Thematik schon ist.

Muss jemand, der einmal wegen Spielsucht in Behandlung war, für immer darauf verzichten?

Wir haben grundsätzlich der Haltung, dass ein abstinentes Verhalten nicht unbedingt nötig ist und schreiben das auch nicht vor. Viele Klientinnen und Klienten berichten aber, dass es ihnen sehr schwerfalle, ein kontrolliertes Verhalten aufrechtzuerhalten. Betroffene wählen also von sich aus oft den Weg, das gar nicht mehr zu machen.

Gibt es Werkzeuge, die einem kontrollierten Umgang zuträglich wären?

Ein verantwortungsvolles Spielen ist aus unsere Sicht möglich, aber da braucht es auch Rahmenbedingungen und Strukturen, die das unterstützen. Die Spielsperre ist da zum Beispiel eine der wichtigsten Mechanismen.

Die Personen lassen sich aktiv selber sperren?

Ja. Also rund zwei Drittel gehen das selbst aktiv an und rund ein Drittel wird von extern gesperrt.

Wer ist mit extern gemeint?

Das kann das Casino sein, Angehörige oder auch eine professionelle Fachstelle, die die Sperrung beantragt.

Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass es keine Schwäche ist, wenn jemand eine Sucht entwickelt. Anfangs kann man den Gang ins Casino vielleicht noch kontrollieren aber irgendwann ist es nicht mehr eine Verantwortung, die einfach beim Individuum liegt. Aus diesem Grund ist die Spielsperre auch ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Sucht um eine Spielpause einzulegen.

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veröffentlicht: 28. Februar 2023 12:50
aktualisiert: 28. Februar 2023 12:50
Quelle: ZüriToday

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