Strafverfolgung

«Die sexuellen Missbräuche in der Kirche sind Offizialdelikte»

· Online seit 21.09.2023, 07:05 Uhr
FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen kritisiert die Art der Untersuchung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Die Staatsanwaltschaft müsse ermitteln, fordert er. Eine Mitte-Nationalrätin rechnet dagegen mit Transparenz.
Anzeige

Das Ausmass der sexuellen Missbräuche im Umfeld der katholischen Kirche ist ans Licht gekommen. Dafür sorgte eine Studie der Universität Zürich im Auftrag der römisch-katholischen Kirche. Auch bei der Untersuchung der Fälle soll sich die Kirche öffnen.

«Sie machen eine Untersuchung gegen ihre Kollegen. Da frage ich mich wirklich, ob da nicht Verdunklungsgefahr besteht», warf Missbrauchsopfer Andreas Santoni Bischof Joseph Maria Bonnemain vor. Auch Urs Brosi, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RZK), hält es öffentlich nicht für verantwortbar, «dass ein Bischof gegen seine Mitbischöfe ermittelt». Die RKZ fordert deshalb, dass Bischof Joseph Maria Bonnemain eine externe Fachperson zur Seite gestellt wird.

FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen geht die Forderung zu wenig weit. «Am meisten überrascht mich, dass die Staatsanwaltschaft in einem solchen Skandal nicht ermittelt», sagt er zur Today-Redaktion. Obwohl es um sexuellen Missbrauch an Minderjährigen gehe, sei bloss eine kircheninterne Untersuchung geplant. «Diese Fälle müssen als Offizialdelikt und Straftatbestände angeschaut werden», fordert er.

«Man kann unter religiösem Deckmantel nicht alles rechtfertigen»

Die Bundesverfassung gibt den Kirchen das Recht, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln. So ist der Bischof verpflichtet, eine Voruntersuchung einzuleiten, sobald er «eine wenigstens wahrscheinliche Kenntnis» von einer Straftat des kirchlichen Rechts erhält. Auch sexueller Missbrauch von Minderjährigen gilt im Kirchenrecht als schwerwiegender Straftatbestand.

Laut den Forschern der Missbrauchsstudie wurde das kirchliche Strafrecht aber über weite Strecken des Untersuchungszeitraums kaum angewandt. Stattdessen seien zahlreiche Fälle verschwiegen, vertuscht oder bagatellisiert worden.

Du willst keine News mehr verpassen? Hol dir jetzt die Today-App:

Vor dem Recht seien alle gleich, sagt Christian Wasserfallen. «Man kann unter dem religiösen Deckmantel nicht alles rechtfertigen.» Die Nachfrage nach Kirchenaustritten ist in den letzten Tagen stark gestiegen. Wasserfallen hofft, dass diese Tendenz zu konsequenten Entscheiden der Kirche führt.

Person aus Strafverfolgungsbereich sei sinnvoll

SP-Ständerat und Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch begrüsst den Beizug einer externen Fachperson. «In diesem Sinn kann die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche wieder hergestellt werden», sagt er.

Laut der RKZ hat ein ehemaliger stellvertretender Bundesanwalt für diese Aufgabe halbwegs eine Zusage erhalten. Jositsch: «Es ist sicher sinnvoll, wenn Bischof Bonnemain eine Person aus dem Strafverfolgungsbereich zur Seite gestellt wird.»

«Transparenz steht im eigenen Interesse»

Mitte-Nationalrätin Marianne Binder-Keller erschüttern diese Missbrauchsfälle. Was den Opfern angetan worden sei, sei schwer erträglich. «Immerhin ist zu sagen, dass die Bischofskonferenz selbst den Stein ins Rollen gebracht hat und eine externe Studie und somit auch Untersuchung in Auftrag gegeben hat.» Licht ins Dunkel zu bringen, sei wohl die Absicht gewesen. «Da sehe ich eigentlich nicht, weshalb sich die Bischofskonferenz bei ihrer Untersuchung weiteren Fachpersonen verschliessen wird.» Letztlich unterlägen die fraglichen Personen der staatlichen Strafverfolgung.

Binder-Keller führt aus: «Transparenz steht im eigenen Interesse der Bischofskonferenz, im Interesse aller Kirchenmitarbeitenden und der Kirchenbasis.» Bezüglich der Kirchenaustritte wolle sie zu bedenken geben, jetzt nicht die falschen zu treffen. «Nämlich diejenigen, welche wertvolle Arbeit an der Basis leisten, in der Caritas, der Seelsorge, der Jugendarbeit und vielen weiteren sozialen Engagements für die Menschen.»

Was uns laut der Nationalrätin wirklich weiterbringen würde, wäre die Einführung der Frauenordination und die Möglichkeit, dass auch Priester heiraten können. «Das fordere ich schon lange in der katholischen Kirche.»

veröffentlicht: 21. September 2023 07:05
aktualisiert: 21. September 2023 07:05
Quelle: Today-Zentralredaktion

Anzeige
argoviatoday@chmedia.ch