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Sektenexperten vermuten bei Hamburger Amokläufer Verzweiflungstat

Getötete Zeugen Jehovas

Sektenexperten vermuten bei Hamburger Amokläufer Verzweiflungstat

· Online seit 10.03.2023, 16:19 Uhr
Philipp F. erschoss in Hamburg mehrere Mitglieder der Zeugen Jehovas. Bis vor rund einem Jahr war er selbst ein Anhänger. Laut den Sektenexperten Georg Otto Schmid und Hugo Stamm leiden Ehemalige nach einem Ausschluss aus der Sekte stark.

Quelle: CH Media Video Unit / Melissa Schumacher

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Tatort war ein Gebäude im Hamburger Stadtteil Alsterdorf, das die Zeugen Jehovas als Kirche nutzen. Am Donnerstagabend schoss ein Mann dort wild um sich. Sieben Menschen wurden getötet, weitere Teilnehmende schwer verletzt. Beim Eintreffen der Polizei erschoss sich der mutmassliche Täter selbst. An einer Medienkonferenz am Freitag bestätigte die Polizei Hamburg, dass es sich um Philipp F., ein 35-jähriges Ex-Mitglied der Zeugen Jehovas handelt. F. habe die Zeugen Jehovas vor eineinhalb Jahren freiwillig, aber wohl nicht im Guten verlassen.

Die Zeugen Jehovas sind die grösste Sekte der Schweiz und gelten gemäss Definition der evangelischen Kirche als Sekte. Gegen diese Bezeichnung wehren sich die Zeugen jedoch vehement.

Schlimmste Strafe für einen Zeugen Jehovas

Sektenexperte Georg Otto Schmid überrascht nicht, dass ein Gemeinschaftsentzug mit der Tat im Zusammenhang steht. Beim Gemeinschaftsentzug handelt es sich um die schlimmste Strafe für einen Zeugen Jehovas. Damit belegt werden Mitglieder, die gegen die strengen Regeln der Gemeinschaft verstossen oder die Gemeinschaft freiwillig verlassen haben.

«Es könnte ein Ex-Mitglied sein, das durch den Ausschluss absolut verzweifelt war und deshalb in Form eines erweiterten Suizids aus Rache zu dieser Tat schritt», vermutet Schmid. Auch den Tatort beurteilt er als typisch. Es verhalte sich wie bei Amokläufern in Schulen. «Niemand schiesst in einer fremden Schule um sich. Es sind immer ehemalige oder aktuelle Schüler.»

«Dürfen sich nicht einmal mehr grüssen»

Die Anhänger glauben an Jehova als «allmächtigen Gott und Schöpfer» und sollen sich strengen Vorschriften unterwerfen. Meist verlassen Mitglieder die Sekte laut Schmid, weil sie keine Lust mehr haben, ständig zu missionieren oder auf Geburtstagsfeiern verzichten zu müssen. Christliche Feste wie Geburtstage oder Weihnachten sind verboten. Andere Mitglieder haben eine Regel gebrochen. «Gemeinschaftsentzug setzt es dann, wenn Mitglieder wiederholt gegen Regeln verstossen.»

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Laut Schmid leiden Ex-Mitglieder der Zeugen Jehovas durch den Ausschluss oft stark. Die Sekte verbiete den Kontakt zu den ehemaligen Mitgliedern komplett. «Sie dürfen sich nicht einmal mehr grüssen und wechseln die Strassenseite, begegnen sie ihnen.» Auch der Kontakt zu den Familienmitgliedern sei verboten. «Das macht es zum Beispiel für einen ausgeschlossenen Vater schwer, seine Frau und Kinder noch zu sehen.» Dies sei besonders fatal und könne Ex-Mitglieder in Verzweiflung bringen.

«Ausschluss ist für viele Mitglieder ein Schock»

Ähnliche Annahmen macht Sektenexperte Hugo Stamm (siehe Video oben). Begingen Zeugen Jehovas Fehltritte, fielen sie unangenehm auf oder übten sie Kritik an der Glaubensgemeinschaft, würden sie ausgeschlossen, sagt er. «Ein solcher Ausschluss ist für viele Ex-Mitglieder ein Schock.» Die Isolation könne sie in tiefe Verzweiflung stürzen und Rachegefühle wecken.

Die Zeugen Jehovas sind davon überzeugt, dass eine neue Welt bevorsteht und sie als auserwählte Gemeinde gerettet werden. Die Anhängerinnen und Anhänger der Sekte würden permanent darauf vorbereitet, nicht in Sünde zu sein, sagt Stamm. «Die Ausgeschlossenen haben oft panische Angst, am ‹Jüngsten Tag› verdammt zu werden.» Zum Beispiel kämpfte ein Mann 2013 vor Gericht gegen seinen Ausschluss. Stamm: «Er hatte Angst, auf ewige Zeiten verloren zu sein.»

«Ablehnen von Blutspenden kann zu Drama werden»

Die Zeugen Jehovas glauben an eine nahe bevorstehende Endzeit. Ereignisse wie das Erdbeben in der Türkei, der Ukraine-Krieg und die Corona-Pandemie sehen sie als Beleg dafür. Bisher sind keine Attacken bekannt, die sich gezielt gegen Mitglieder der Zeugen Jehovas richteten. «Es ist durchaus denkbar, dass die Zeugen Jehovas den Amoklauf als weiteres Signal für die Endzeit interpretieren», sagt Stamm. Auch könnten die Mitglieder das schreckliche Ereignis nutzen, um die Reihen mit noch mehr Indoktrination und verschärften Regeln intern zu schliessen.

Auch zu den Regeln der Zeugen Jehovas gehört das Ablehnen von Bluttransfusionen. Beim Amoklauf wurden mehrere Personen schwer verletzt. Gut möglich ist, dass diese auf Spenderblut angewiesen sind. Laut den Sektenexperten würde die Glaubensgemeinschaft diese Regel aber selbst in einem solchen Fall nicht brechen. «Das Ablehnen von Blutspenden könnte daher zu einem wirklichen Drama werden», sagt Hugo Stamm. Auch Georg Otto Schmid vermutet: «Leider könnte es sein, dass es bei einigen Verletzten deswegen zu tragischen Verläufen kommt.»

veröffentlicht: 10. März 2023 16:19
aktualisiert: 10. März 2023 16:19
Quelle: Today-Zentralredaktion

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argoviatoday@chmedia.ch