Schweiz

Self-Checkout-Kassen bringen Personal ans Limit

Fachkräftemangel

Self-Checkout-Kassen bringen Personal ans Limit

04.05.2023, 08:55 Uhr
· Online seit 04.05.2023, 05:58 Uhr
Supermärkte sehen in den Self-Checkout-Kassen die Rettung für den Fachkräftemangel. Doch damit stechen sie in ein Wespennest. «Seit die Self-Checkout-Kassen eingeführt wurden, flitzt das Personal nur noch herum», kritisiert die Gewerkschaft Unia.
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Der Fachkräftemangel bereitet vielen Branchen Sorgen. Kürzlich schlug der Schweizerische Arbeitgeberverband Alarm, weil zurzeit rund 120‘000 Stellen unbesetzt bleiben. Auch im Detailhandel ist die Lage angespannt. Im dritten Quartal 2022 fiel die Zahl der registrierten Arbeitslosen laut einer Studie der Credit Suisse auf den tiefsten Wert seit zehn Jahren. Gleichzeitig erreichte die Zahl der offenen Stellen Rekordwerte.

In dieser Krise sollen sich die Self-Checkout-Kassen in den Supermärkten als Retter für das Personal erweisen. «In Zeiten des Fachkräftemangels bieten die Self-Checkout-Kassen sogar eine Entlastung sowie eine Erweiterung des Aufgabengebiets unserer Mitarbeitenden», sagt etwa Annabel Ott, Mediensprecherin der Migros gegenüber der Today-Zentralredaktion.

Angestellten bleibe kaum mehr Zeit für WC-Pause

Damit sticht der Grossverteiler bei Gewerkschaften in ein Wespennest. «Seit die Self-Checkout-Kassen eingeführt wurden, ist das Personal nur noch am Herumflitzen», sagt Nicole Niedermüller, Mediensprecherin der Gewerkschaft Unia. Den Angestellten bleibe kaum mehr Zeit, aufs WC zu gehen, geschweige denn eine Kaffeepause zu machen.

«Angestellte in den Supermärkten müssen sich von Kundinnen und Kunden immer wieder anhören lassen, dass sie doch nur noch rumsässen, weil sie nichts mehr zu tun hätten», sagt Niedermüller. Dieser Eindruck entstehe zu Unrecht.

Die Selbstbedienungskassen fordern laut Niedermüller einen Zusatzaufwand. «Diese Kassen laufen nicht alleine», merkt sie an. So müsse das Personal das Papier für die Quittungen nachfüllen, die Kassen reinigen und überwachen. «Zu Stosszeiten am Morgen, Mittag und Abend kommen Angestellte in Supermärkten mit Self-Checkout-Kassen ans Limit, weil sie alles gleichzeitig betreuen müssen», so Niedermüller.

«Keine Lösung, Menschen durch Maschinen zu ersetzen»

Grund für die Überlastung ist laut Unia, dass Ladenflächen häufig vergrössert und Öffnungszeiten verlängert wurden, ohne zusätzliches Personal einzustellen. Früher seien im Schnitt fünf Kassen besetzt gewesen. «Heute sind zwei Angestellte für fünf Kassen und zehn Self-Checkout-Kassen zuständig.» Kaum entspanne sich die Situation an den Kassen, müssten sie das Warenangebot richten und Regale auffüllen. «Durch die Self-Checkout-Kassen entsteht für die Angestellten demnach nicht weniger, sondern mehr Stress.»

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Daraus schliesst die Gewerkschafterin: «Es ist keine Lösung, Menschen durch Maschinen zu ersetzen.» Als Gewerkschafterin sei für sie klar: «Wer Fachkräfte gewinnen und im Unternehmen binden will, muss für gute Arbeitsbedingungen und anständige Löhne sorgen. Sowohl bei den Arbeitsbedingungen wie auch bei den Löhnen ist im Verkauf noch viel Luft nach oben.»

Es sei kein Personal abgebaut worden

Die Grossverteiler hingegen orten keinen erhöhten Stresslevel für das Personal. «Es liegt in unserem ureigenen Interesse, attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten», sagt Migros-Mediensprecherin Annabel Ott. Die Pausen seien nach geltendem Arbeitsrecht geregelt und gälten für alle Mitarbeitenden. Auch hält sie fest: «Seit Einführung der Self-Checkout-Kassen wurde kein Personal abgebaut.»

Ähnlich klingt es bei Coop. «Erstmal möchten wir betonen, dass wir in den Verkaufsstellen mit Self-Checkout-Kassen nicht weniger Personal beschäftigen als vor der Einführung», sagt Mediensprecher Caspar Frey. Durch die Einführung der Self-Checkout-Kassen seien die Tätigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verkauf vielfältiger geworden. «Diese Aufgabenerweiterung wird grundsätzlich geschätzt und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mit der abwechslungsreicheren Arbeit zufrieden.»

Coop sei es wichtig, bei neuen Herausforderungen den Bedürfnissen der Mitarbeitenden ausreichend Rechnung zu tragen, so Frey. «Die Aufgaben an den Self-Checkout-Kassen sind in einem internen Reglement klar geregelt und berücksichtigen die Bedürfnisse der Mitarbeitenden.»

Volg plant keine Self-Checkout-Kassen

In den Volg-Filialen sorgen Self-Checkout-Kassen derweil nicht für Zündstoff – die Detailhandelsgruppe hat bis heute keine solchen eingeführt. «Die Einführung von Self-Scanning-Kassen ist derzeit nicht geplant, denn wir legen Wert auf das ‹frisch und fründliche› Einkaufserlebnis in unseren Dorfläden», sagt Sprecherin Tamara Scheibli. Der persönliche Kontakt zu den Verkaufsmitarbeitenden werde dabei von den Kundinnen und Kunden sehr geschätzt – und dies nicht nur an der Kasse.

«Dass das Einkaufen im Volg ein bisschen persönlicher ist, wird als grosser Mehrwert empfunden», sagt Scheibli. Wünsche nach Selbstbedienungskassen habe Volg bis jetzt keine erhalten.

veröffentlicht: 4. Mai 2023 05:58
aktualisiert: 4. Mai 2023 08:55
Quelle: Today-Zentralredaktion

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