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Wechsel-Chaos bei Krankenkassen: KPT wird von Kunden überrannt

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Wechsel-Chaos bei Krankenkassen: KPT wird von Kunden überrannt

· Online seit 28.04.2023, 09:32 Uhr
Welch ein Wechselzirkus: Die steigenden Prämien haben vergangenen Herbst viele dazu bewogen, sich bei einer anderen Krankenkasse zu versichern. Das ging nicht problemlos über die Bühne.
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Wegen der steigenden Prämien haben auf dieses Jahr hin sehr viele ihre Krankenkasse gewechselt – laut einer Umfrage jeder vierte Erwachsene. Ein Anbieter wurde regelrecht überrannt: Bei der KPT stieg die Anzahl Kundinnen und Kunden in der Grundversicherung um 195'000 auf 553'000, wie sie auf Anfrage mitteilt. Der Ansturm fiel damit noch grösser aus als gedacht: Zunächst war von einer Zunahme von rund 150'000 die Rede gewesen.

Auf das massive Wachstum um über 50 Prozent war die Kasse nicht vorbereitet. Um die Neukunden zu erfassen, mussten alle mithelfen, sogar die Geschäftsleitung. Die Kundencenter wurden überrannt. Inzwischen sieht es laut KPT besser aus: «Nachdem es im Winter ab und zu noch etwas ‹geholpert› hat und wir unseren hohen Qualitätsansprüchen nicht immer gerecht werden konnten, haben wir die Situation mittlerweile gut im Griff», sagt Sprecher Beni Meier zu den CH-Media-Zeitungen. Die Erreichbarkeit und die Wartezeiten seien in den meisten Regionen wieder auf dem angestrebten Niveau und die eingereichten Rechnungen der Kunden würden rasch bezahlt.

CH Media weiss allerdings von einem Fall, in dem die Versichertenkarten noch immer fehlen. Die KPT geht von einem Einzelfall aus. «Der Grossteil der neuen KPT-Kunden hat die Versichertenkarte bis Ende Januar erhalten», erklärt der Sprecher.

Mehr Personal bei KPT – kein Abbau bei anderen

Dass Versicherte ihre Karte etwas später als gewohnt erhielten, kam bei verschiedenen Kassen vor – als Folge der vielen Wechsel. «Es ist so, dass wir in diesem Jahr eine Verzögerung der Versichertenkarten-Produktionen für die ganze Branche hatten», bestätigt Dominik Baumgartner, Geschäftsleitungsmitglied der Sasis AG, einem Tochterunternehmen des Krankenkassenverbands Santésuisse. Mit rund 1,5 Millionen sei die Menge rund drei Mal so gross gewesen wie in den vergangenen Jahren. Am 19. Januar seien aber die letzten Karten produziert und verschickt worden.

Der Fall der KPT ist aussergewöhnlich. Gröbere Verschiebungen gab es jedoch auch bei anderen Kassen. Zwei grosse mussten kräftig Federn lassen: Bei der Helsana sank die Zahl der Kundinnen und Kunden in der Grundversicherung um 84’000, bei der Assura um 89'000. Die deutlich kleinere Atupri verzeichnet einen Rückgang um rund 40‘000 Versicherte.

Die aktuelle Nummer eins, die CSS, registrierte ein vergleichsweise kleines Minus von rund 10’800 – was aber nicht heisst, das sie von Wechseln nicht betroffen war: Sie gewann gut 145’000 neue Kunden in der Grundversicherung, verlor aber auch rund 156’000.

Obwohl Helsana, Assura und Atupri einen deutlichen Rückgang hinnehmen mussten, bauen sie kein Personal ab, wie alle drei auf Anfrage erklären. Auf der anderen Seite muss die KPT wegen der starken Kundenzunahme aufstocken. Sie geht davon aus, dass sie 50 bis 60 zusätzliche Stellen braucht, insbesondere in den Kunden- und Leistungscentern. «Die Rekrutierung ist gut angelaufen, der Grossteil der Vakanzen konnte bereits besetzt werden», sagt Sprecher Meier.

KPT: Viele dürften wieder abspringen

Doch das ist nicht die einzige Schwierigkeit für die Kasse. Die grösste Herausforderung für die KPT seien die Reserven, sagt Felix Schneuwly, Krankenkassenexperte beim Vergleichsdienst Comparis. Wegen der massiven Kundenzunahme muss die KPT mehr Reserven aufbauen. «Nächstes Jahr kann sie deshalb wahrscheinlich nicht mehr so tiefe Prämien anbieten», sagt Schneuwly. Viele Kundinnen und Kunden dürften dann wieder abspringen.

Ist ein solches Auf und Ab, ein solches Wechsel-Karussell nicht unsinnig? Schneuwly sagt, der Wettbewerb unter den Krankenversicherern sei durchaus sinnvoll. «Das Problem sind die politischen Eingriffe in die Reserven: Ein rascher Abbau der Reserven hat in der Vergangenheit immer zu einem Prämienschock geführt.» Das habe sich jetzt erneut gezeigt. «Und je stärker die Prämien steigen, desto mehr wechseln die Krankenkasse.»

Bei der KPT kommt hinzu, dass sie sich bei den Prämien offensichtlich verschätzt hat. Sie bot in 13 der 42 Prämienregionen die günstigsten Policen an, darunter in den Städten Zürich, Bern und Lausanne. Der KPT sei nicht bewusst gewesen, dass die Prämien «im Vergleich zu den Mitbewerbern so niedrig waren», räumte CEO Thomas Harnischberg im Dezember gegenüber der «NZZ» ein.

Das wirft die Frage auf, ob das Bundesamt für Gesundheit (BAG) angesichts der tiefen Prämie nicht hätte reagieren müssen. Das BAG verweist jedoch darauf, dass die Festsetzung der Prämien in der Verantwortung der Versicherer liege. Das Gesetz regle, in welchen vier Fällen die Genehmigung verweigert werde: wenn die gesetzlichen Vorgaben nicht eingehalten würden, die Prämien nicht kostendeckend seien oder im Gegenteil unangemessen hoch über den Kosten liegen oder sie zu übermässigen Reserven führen. Ansonsten müsse das BAG die Prämien genehmigen.

Schneuwly wendet indes ein, dass die Krankenkassen für die Bewilligung der Prämien auch eine Prognose zur Anzahl Versicherter vorlegen müssen. «Das BAG hätte der KPT einen Hinweis geben können, dass die Prognose nicht realistisch ist.»

(Maja Briner)

veröffentlicht: 28. April 2023 09:32
aktualisiert: 28. April 2023 09:32
Quelle: Today-Zentralredaktion

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