Aargau/Solothurn

Leben am Existenzminimum: So arm ist die Aargauer Bevölkerung

Finanzielle Schieflage

Leben am Existenzminimum: So arm ist die Aargauer Bevölkerung

· Online seit 21.01.2024, 07:09 Uhr
Krankenkasse, Lebensmittel, Miete – die Kosten in der Schweiz scheinen überall und permanent zu steigen. Wer bereits zuvor am Existenzminimum lebte, für den wurde es in den letzten Monaten kaum einfacher. Wie stark die Aargauer Bevölkerung von Armut betroffen ist, erklärt Caritas-Aargau-Geschäftsführerin Fabienne Notter.
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Der nationalen Statistik zufolge leben 8,7 Prozent der Schweizer Bevölkerung in Armut. Weitere 1,2 Millionen Menschen in unserem Land gelten als armutsgefährdet und rund 448'000 Personen sind von materieller und sozialer Deprivation betroffen. Doch wie sieht die Lage in unserem Kanton aus?

So arm ist die Aargauer Bevölkerung

Im Aargau sind die Zahlen – verglichen mit anderen Kantonen – tief. «Wenn man die Sozialhilfequote anschaut, dann sieht man, dass es im Kanton Aargau 2022 eine Quote gab von 1,8 Prozent. Der Schweizer Durchschnitt liegt bei 2,9 Prozent. Der Aargau liegt also weit unter dem Durchschnitt und im kantonalen Vergleich an 19. Stelle», erklärt Fabienne Notter, Geschäftsleiterin von Caritas Aargau und Solothurn.

Bei der Interpretation dieser Zahlen sei aber Vorsicht geboten, mahnt Notter. «Das sind die Zahlen der konkreten Sozialhilfebezüger. Diese sagen jedoch nur einen Teil der Wahrheit aus, weil unter anderem die, die Anrecht auf Sozialhilfe hätten, diese aber nicht beziehen, dort nicht mit eingerechnet sind.»

So oder so: Im Aargau sind die Zahlen seit Jahren unterdurchschnittlich, verglichen mit dem Rest der Schweiz. «Es gibt verschiedene Faktoren für die tiefe Sozialhilfequote. Der Kanton Aargau ist eher restriktiv. Dies führt häufig dazu, dass die Dunkelziffer der Nichtbezüger grösser ist. Ich kann mir vorstellen, dass dies ein Grund ist – das ist aber mit Zahlen nicht direkt nachweisbar», sagt Notter.

Arm oder reich: Welche Faktoren entscheiden?

Ob jemand armutsgefährdet ist oder nicht, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Laut Notter sind dies verschiedene demografische Merkmale, die ausschlaggebend sind. «Wenn man bereits in einer von Armut betroffenen Familie aufwächst, hat man einen schwierigen Start ins Leben. Armut ist vererbbar.» Jedes 12. Kind in der Schweiz sei von Armut betroffen.

Ebenfalls Faktoren seien Gesundheitsprobleme mit folgender Arbeitsunfähigkeit und fehlende oder schlechte Bildung. Oft seien auch Familien – vor allem bei alleinerziehenden Elternteilen – stark gefährdet, in die Armut abzurutschen.

Aktuell sei es vor allem für sogenannte «working poor» schwierig. Dies sind Menschen, die arbeiten und Geld verdienen, mit dem sie gerade so durch den Alltag kommen, jedoch finanziell ins Straucheln geraten, wenn eine grössere Investition ansteht. «Diese Gruppe von Menschen ist gerade jetzt, wenn es um die vielen Aspekte der Teuerung geht, besonders betroffen. Ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt und ob es wegen der ansteigenden Kosten eine Zunahme bei der Sozialhilfequote gibt – oder nicht», so Notter.

Leben am Existenzminimum 

Um festzustellen, wer von Armut betroffen ist, gibt es in der Schweiz verschiedene Richtlinien. Ein Begriff, der hier oft auftaucht, ist das «Existenzminimum». Die Schweizerische Kommission für Sozialhilfe SKOS gibt den Kantonen mit den SKOS-Richtlinien eine Empfehlung zur Definition des Existenzminimums in der Sozialhilfe ab. «Das Existenzminimum besagt, wie viel Geld man mindestens braucht, um den Alltag zu meistern und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen», erklärt Notter. Das Existenzminimum definiere somit die Armutsgrenze.

Eine Aargauerin, die am Existenzminimum lebt, ist Nadja. Sie erzählte kürzlich im «TalkTäglich», wie sie und ihre Tochter ihren Alltag trotz schwieriger finanzieller Situation meistern.

Quelle: TalkTäglich

Hier bekommst du Hilfe

Wer finanziell in Schwierigkeiten gerät, sollte sich nicht schämen, Beratung oder Hilfe in Anspruch zu nehmen, rät Notter. «In erster Linie sind die sozialen Dienste zuständig. Wenn man merkt, dass man Sozialhilfe braucht, geht man dorthin und stellt einen Antrag auf wirtschaftliche Sozialhilfe.» Dieser Gang sei aber oft mit Scham verbunden. Hier sei der kirchlich-regionale Sozialdienst der Caritas eine gute Anlaufstelle. «Wir beraten niederschwellig, schauen, was sich machen lässt und ob es sich verhindern lässt, Sozialhilfe beziehen zu müssen», erzählt Notter. Auch Einzelfallhilfe – wie beispielsweise das Begleichen einer grossen Zahnarztrechnung – bietet die Caritas unter gewissen Umständen an. Für einige Betroffene kann auch die kantonale Budget- und Schuldenberatung eine gute Alternative sein.

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veröffentlicht: 21. Januar 2024 07:09
aktualisiert: 21. Januar 2024 07:09
Quelle: ArgoviaToday

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